Junglandwirt sprüht vor innovativen Ideen

Junglandwirt sprüht vor innovativen Ideen


Auf Gut Netzow wird seit 22 Jahren Ökolandbau betrieben. Junglandwirt Paul Michel hat viele Projekte im Kopf, wie Ökolandbau, Arten-, Klimaschutz und Ökonomie in Einklang gebracht werden könnten. Doch momentan sieht er sich von regionalen Politikern zu Unrecht ausgebremst.

Jakob Michel träumt von einer Mehrfachnutzung der Fläche hinter ihm, auf der er in diesem Jahr das erste mal auf einen Blühstreifen angelegt hat. Die Blühstreifen könnten ausgebaut werden, wenn darüber Solaranlagen für Einkommen sorgen und zwischen den Paneelen noch Ackerbau betrieben werden kann.

NETZOW . Jakob Michels Mutter war „Überzeugungstäterin“, als sie nach einem Jahr konventioneller Landwirtschaft auf Gut Netzow bei Templin in den 1990er Jahren auf ökologische Landwirtschaft umschwenkte. Ihr Sohn, der gerade in Göttingen Landwirtschaft studiert und kurz vor seinem Bachelorabschluss steht, will nach seinem Masterstudium einmal den Uckermärkischen Betrieb fortführen. Der junge Mann, der zuvor eine Berufsausbildung in der konventionellen Landwirtschaft absolviert hatte, will in der Uckermark weiter Ökolandbau betreiben.

Ebenfalls aus Überzeugung, aber ebenso, weil er sich als „Landwirt auch als Unternehmer“ versteht, wie er betont. Ein Unternehmer müsse das Beste aus seinem wichtigsten Produktionsmittel, dem Boden, machen und selbigen natürlich schützen. Ob seine Entscheidung mit der Bodenwertzahl 50 plus auch so ausgefallen wäre – darüber möchte der junge Mann nicht spekulieren. Im konventionellen Landbau laste viel Druck auf den Bauern, über hohe Erträge Einkommen zu erzielen. Da wäre es ohne Pflanzenschutz kaum machbar, dem Unkraut beizukommen, das natürlich bei so einem prächtigen Nährstoffangebot wie bei guten Böden, ebenfalls besonders gut gedeiht, weiß er. So erkläre sich auch, warum sich der Ökolandbau in der Uckermark vor allem dort konzentriere, wo die Böden karger sind. Im Bioanbau würden die Produkte besser honoriert und viele Ökolandbauern nutzen natürlich auch Agrarumweltprogramme, um auf ihren Flächen extensive Landbewirtschaftung und Artenschutzmaßnahmen umzusetzen.

Unter anderem auf einem Ackerstreifen kurz vor Dorettenhof hat das Gut Netzow es in diesem Jahr das erste Mal mit einem Blühstreifen für die Artenvielfalt versucht. Der Acker ist an dieser Stelle ohnehin weniger rentabel. „Aber auch Blühstreifen gedeihen nicht von selbst“, weiß Jakob Michel. Auch da stecke viel Arbeit und Geld was nun endlich auch im Ökolandbau gefördert werde. Allein mit 350 Euro Saatgutkosten pro Hektar müsse man rechnen, dazu kämen die Kosten für das Mähen und die Bodenbearbeitung. „Wer die Fläche nicht so gut wie für eine Weizenaussaat vorbereitet, bei dem blüht auch nichts“, so Michel. Auf seinem Blühstreifen sollten 30 bis 40 verschiedene Blühpflanzen gedeihen. „Als wir den Streifen im April gedrillt haben, blieb es vier Wochen trocken“, erinnert der junge Mann. Er zeigt sich dennoch zufrieden, was daraus geworen ist. An den letzten Sommertagen jedenfalls summte es kräftig über dem Streifen, während nebenan zweijähriges Kleegras dafür sorgt, dass der Acker für die nächste Bestellung sauber bleibt und mit Nährstoffen aus der Luft angereichert wird.

Für die Zukunft hätten er und seine Mutter für die rund 70 Hektar große Fläche bei Dorettenhof noch ganz andere Visionen. Blühstreifen sollten künftig auf 30 Hektar unter drehbaren Freiflächen-Solarmodulen gedeihen, die in Abständen von bis zu 18 Metern in Nord- Südrichtung voneinander aufgestellt würden, sodass zwischendrin – dort wo der Boden mit 35 Bodenpunkten noch am nährstoffreichsten ist, auch ganz normale Landwirtschaftsmaschinen durchfahren könnten. „Wir haben Partner gefunden, die uns innovative Solarmodule liefern wollen, die während der ,Bodenbearbeitung und Ernte senkrecht gestellt werden können und von beiden Seiten Sonnenenergie einfangen können“, berichte der Junglandwirt begeistert. „So können wir auf 40 Hektar auch künftig Ackerbau betreiben und haben insgesamt eine verlorene Fläche“, sagt er. Gemeinsam mit dem ZALF (Zentrum für Agrarlandschaftsforschung) sollen Studien betrieben werden, wie die teilweise verschatteten Flächen unter den Solarmodulen auch künftig sinnvoll landwirtschaftlich genutzt werden können. Jakob Michel schwebt vor, dort den Auslauf für mobile Hühnerställe anzulegen Auf zehn Hektar würde das ZALF seine Experimente durchführen. 

Leider habe man bei der Vorstellung dieses „Leuchtturmprojektes“ im Bauausschuss keine positive Resonanz erfahren. In der Angst, landwirtschaftliche Nutzfläche auf lange Sicht der Lebensmittelproduktion zu entziehen, hatten die Ausschussmitglieder das Projekt des Gutes Netzow nicht befürwortet. Die Ackerfläche liegt im Landschaftsschutzgebiet. Und auch baurechtlich wäre Pionierarbeit zu leisten, wenn das künftige Sondergebiet zugleich weiter landwirtschaftlich genutzt werden soll. Auch vom Hauptausschuss der Stadt Templin gab es für das Projekt kein grünes Licht.

Jakob Michel bedauert das. Schließlich seien doch gerade die Landwirte aufgefordert, sich Gedanken um den Klimaschutz zu machen. Durch die ackerbauliche Nutzung der besseren Bodenstreifen, alternative Nutzungen unter den Modulen durch mobile Hühnerställe oder Blühflächen käme es zu einer viel kleinteiligeren Nutzung des sonst 70 Hektar großen Schlages.

Angedacht sei, dieses Feld als Ausgleichsmaßnahme durch eine sechs Meter breite und sechs Meter hohe Hecke zu begrenzen, was weiteren Mehrwert für den Umwelt und Naturschutz in einer Region bringen würde, in der ansonsten der Maisanbau dominiere. Und mit Biogasanlagen aus Mais Strom zu produzieren, verbrauche 40 mal soviel Fläche, wie das geplante Projekt der doppelten Nutzung mit PV-Modulen. Diese Nutzung würde also wieder mehr Fläche für die Nahrungsproduktion bedeuten, als die bisherige großflächige Maisproduktion für Biogasanlagen.

„Wenn wir in Deutschland den Ausstieg aus Kohle- und Kernkraft und künftig auch die Unabhängigkeit von konventionellem Erdgas wollen, dann werden wir den grünen Strom brauchen, egal, wo er produziert und verbraucht. wird“, ist der Landwirt überzeugt. Und wenn Landwirtschaft durch Klima-, Umwelt- und naturschutzpolitische Maßnahmen sowie durch Dürre und damit zunehmen- den Schädlings- und Krankheitsdruck in ihrer Handlungsfähigkeit immer weiter eingeschränkt werde, dann müsse man ihr auch die Möglichkeit geben, andere sinnvolle rentable Nutzungen auf ihren Flächen zu entwickeln, um mit ihnen eben auch die Lebensmittelproduktion vor Ort am Leben zu erhalten.

In seinem Ökolandbaubetrieb fahre er bereits siebengliedrige Fruchtfolgen, mit Kleegras als Futter, Dinkel/ Weizen, Zwischenfrüchten, Ölleinsamen, Sommerfrüchten/Hafer, Winterroggen oder Lupine und Sommerbraugerste, auf zwei Siebentel der Fläche werde jeweils kein Ertrag generiert. Tierproduktion sei ja augenscheinlich in der Bevölkerung und politisch eher nicht erwünscht, obwohl diese als Lieferant von organischem Dünger sehr helfen würde.

„Unter all diesen Prämissen können auch. wir Landwirte nicht immer weitermachen wie bisher und müssen nach Alternativen suchen, ins besondere wir Landwirte müssen uns doch an die demografischen Veränderungen anpassen“, sagt Jakob Michel überzeugt. Die doppeltgenutzte PV-Anlagen könnten eine solche Alternative sein, eine Stromspeicheranlage und mobile Hühnerställe bei Dorettenhof weitere. In seiner Bachelorarbeit beschäftigt er sich übrigens gerade mit der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse vor Ort, unter anderem des Biohafers als Hafermilch.

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Agri-Photovoltaik als innovative Lösung für die Energiewende

Agri-Photovoltaik als innovative Lösung für die Energiewende


Ich glaube daran, dass die Energiewende besser gedacht und gemacht werden kann. Wir müssen den ländlichen Raum sowohl für die Landwirtschaft als auch für die solare Energieerzeugung und mehr Biodiversität gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickeln. Nur ein ausbalancierter Interessenausgleich zwischen nachhaltiger Energie- und Lebensmittelerzeugung kann wahrgenommene Flächenkonkurrenzen in einem gesellschaftlichen Konsens auflösen. Aus einem „entweder oder“ muss ein „sowohl als auch“ werden – als Leitbild für die Nutzung von Agrar- und Kulturlandschaften von morgen. So leisten wir unseren Beitrag, um dem Klimawandel entgegenzutreten und wertvolle Lebensräume für Menschen zu schaffen.

Die Herausforderungen bei der Umsetzung der Energie- und Agrarwende sind vielfältig. Zum einen müssen wir ambitionierte wie notwendige Klima- und Ressourcenschutzziele umsetzen, zum anderen steigen die Nachhaltigkeitsansprüche in der Landwirtschaft. Landwirtinnen und Landwirte sehen sich mit einer Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik genauso konfrontiert, wie mit immer deutlicher werdenden Klimafolgen in ihren Betrieben. Zudem ist Solarstrom marktfähig, was einen regelrechten Run auf Flächen und Gemeinden auslöst. Viele Gemeinden sehen sich mit der Flut von Anträgen und der Unwissenheit über die Möglichkeiten der Teilhabe überfordert. Gleichermaßen sehen sich viele Bürgerinnen und Bürger im ländlichen Raum im Stich gelassen, welche das Gefühl haben, dass die Energiewende allein auf ihren Schultern liegt beziehungsweise zu ihren Lasten umgesetzt wird. So entsteht eine Gemengelage aus vielen wahrgenommenen Interessens- und Flächennutzungskonflikten

Es braucht innovative Lösungen wie Agri-Photovoltaik zum Gelingen der Energiewende

Wir entwickeln Solarvorhaben mit Mehrfachnutzungskonzepten, um diese wahrgenommenen Nutzungskonflikte aufzulösen und Akzeptanz zu schaffen. Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen bringen wir Umweltschutz, Landwirtschaft und Energiegewinnung miteinander in Einklang. Unsere Vorhaben werden zudem wissenschaftlich begleitet, um auf diesem für Deutschland noch recht jungen, wie viel versprechenden Gebiet Lernkurven mit Strahlwirkung zu fördern. Darüber hinaus bieten wir attraktive Teilhabeoptionen direkt für die Bürgerinnen und Bürger der Standortgemeinden.

Um diesem selbst gesetzten Anspruch gerecht zu werden, braucht es Flächen mit ausreichenden Gestaltungsräumen in der Größenordnung von ca. 70 ha. So können wir auch sicherstellen, dass die Solarvorhaben ohne staatliche Förderung (EEG-Umlage) realisiert werden, d.h. ohne die Stromrechnungen von Verbrauchern zusätzlich zu belasten. Ausgangspunkt ist die Verwendung von PV-Trackingsystemen bei der Aufständerung. Diese Technologie wird heute schon bei 40% der weltweit neu installierten Freiflächenanlagen verwendet. Diese führen höher aufgestellte innovative Solarmodule der Sonne nach, sodass ein Mehrertrag bei breiteren Reihenabständen zwischen den Modulreihen erzielt wird. So fällt die energetisch optimierte Auslegung ideal mit den Anforderungen der Landwirtschaft (bspw. Licht-, Wasser-, Erosions-Management) zusammen.

Diese Aufstellung kommt gleichzeitig der Steigerung der Biodiversität zu gute. Durch gezielte Maßnahmen, wie Ausgleichsflächen innerhalb der Anlage und bspw. mehrjährige Blühstreifen wird der belegte ökologische Mehrwert von Solarparks zusätzlich erhöht. Ziel des Mehrfachnutzungskonzepts ist es, einen möglichst großen Optionsrahmen für die landwirtschaftliche Nutzung zu schaffen, um auf künftige Markt- und Klimabedingungen reagieren zu können. PV-Pachteinnahmen stabilisieren die wirtschaftliche Situation der Betriebe zusätzlich, ohne deren Grundfunktion und Identität grundsätzlich zu verändern. Dies ermöglicht auch Spielräume für Neuausrichtung und weitere Investitionen – ganz unabhängig von der momentanen Ertragslage des Kerngeschäfts und den entsprechenden Subventionen.

Dies gilt auch für Standorte mit kleinteiligen Eigentümerstrukturen oder komplexen Pachtverhältnissen. Für Interessenskonflikte zwischen Grundstückseigentümern und Pächtern bzw. Landwirten stehen Modelle bereit, die ganz im Sinne des Mehrfachnutzens garantieren, dass alle Beteiligten bessergestellt werden.

Auf Basis von (geodatenbasierten) Standortanalysen und faunistischen Voruntersuchungen entwerfen wir mit den Betrieben und der landwirtschaftlichen Expertise des Elysium-Beirats in Person von Prof. Dr. Klaus Müller des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. und der Humboldt-Universität zu Berlin individuelle Standortkonzepte.

Menschen samt deren Interessen und Bedenken vor Ort kennen und verstehen – Nur dann findet sich gemeinsam das bestmögliche Solarvorhaben für die Region

Gesellschaftliche Akzeptanz ist die eigentliche knappe Ressource der Energiewende. Gemeinden müssen für Solarvorhaben Baurecht schaffen. Deshalb sollten Standortgemeinden in besonderer Weise von dem Vorhaben profitieren. Unsere Angebote der Teilhabe für Bürgerinnen und Bürger sind daher, dass diese vergünstigten Grünstrom aus einem PV-Kontingent beziehen können und sich direkt über Nachrangdarlehen ökonomisch an den Solaranlage beteiligen können. Gemeinden können so mitgestalten, welche Vorhaben den größten regionalen Mehrwert für sie haben.

Subventionsfreie PV-Mehrfachnutzung ist ein Element für gesellschaftliche Akzeptanz und für das Gelingen der Energiewende wie auch des regionalen Strukturwandels. Insofern sind alle Bemühungen hinsichtlich deren Förderung und Umsetzung zu unterstützen.

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