Agri-PV als Klimaanpassungsstrategie: Was die Wissenschaft sagt
Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) hat im März 2026 eine Stellungnahme zur Wirtschaftlichkeit von Agri-Photovoltaik veröffentlicht – und warnt ausdrücklich vor vorschnellen Urteilen. Besonders mit Blick auf den Klimawandel liefern die Forscher überzeugende Argumente für die Doppelnutzung landwirtschaftlicher Flächen.
Mehr als ein Kostenvergleich
In der aktuellen Debatte wird Agri-PV häufig allein an den Stromgestehungskosten gemessen – und dabei mit klassischen Freiflächenanlagen verglichen. Das ZALF hält diesen Ansatz für grundlegend unzureichend. Agri-PV ist ein integriertes Produktionssystem, das landwirtschaftliche Wertschöpfung und Energieerzeugung miteinander verbindet. Eine seriöse Bewertung muss daher zwingend die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft, unterschiedliche Geschäftsmodelle sowie die gesellschaftliche Akzeptanz einbeziehen.
Klimawandel macht Agri-PV zur Notwendigkeit
Der vielleicht wichtigste Aspekt der Stellungnahme betrifft die Klimaresilienz: Mit zunehmender Frühjahrstrockenheit gewinnt ein zentraler Effekt von Agri-PV-Anlagen erheblich an Bedeutung – die Reduzierung der Verdunstung durch die Beschattung der Solarmodule.
Mehrjährige Felduntersuchungen mit Winterweizen in Südwestdeutschland belegen, dass Agri-PV-Systeme durch veränderte Mikroklimabedingungen und verringerte Evapotranspiration den pflanzenphysiologischen Dürrestress signifikant mindern – insbesondere in trockenen Jahren. Das stabilisiert die Erträge und sichert die landwirtschaftliche Produktion langfristig ab.
Besonders relevant ist dieser Effekt an Standorten mit hoher Bodenqualität, aber geringer Wasserverfügbarkeit – wie etwa in der Magdeburger Börde im Regenschatten des Harzes. Hier könnte Agri-PV künftig sogar eine Voraussetzung für rentable Agrarproduktion darstellen.
Ein weiterer klimatischer Vorteil: Agri-PV-Anlagen wirken als Windbrecher und reduzieren damit gleichzeitig das wachsende Risiko der Winderosion – ein Problem, das durch zunehmende Wetterextreme an vielen Standorten in Deutschland relevant wird.
Synergien, die den Unterschied machen
Das ZALF betont, dass eine vollständige Bewertung von Agri-PV sämtliche Synergien zwischen Landwirtschaft und Energieerzeugung berücksichtigen muss. Dazu gehören die betriebliche Resilienz gegenüber zunehmender Witterungsvariabilität, positive Auswirkungen auf Biodiversität und Landschaftsbild, neue Produktionsmöglichkeiten in den geschützten Bereichen unter den Modulen – etwa für Arzneipflanzen oder andere Spezialkulturen – sowie die Erschließung zusätzlicher Einkommensquellen für Landwirte.
Gesellschaftliche Akzeptanz als Standortvorteil
Die Forschungsergebnisse des ZALF zeigen: Die Bevölkerung und Fachleute aus Landwirtschaft, Politik und Planung bewerten Agri-PV deutlich positiver als reine Freiflächenanlagen. In einer repräsentativen Befragung waren 44 % der Deutschen bereit, für Strom aus Agri-PV einen Aufpreis zu zahlen – gegenüber nur 29 % bei konventionellen Freiflächenanlagen.
Die gesellschaftliche Erwartung ist klar formuliert: Kein Entweder-oder zwischen Energieerzeugung und Landwirtschaft, sondern eine integrative Lösung, die Klimaschutz, Einkommensdiversifizierung und Ernährungssicherung miteinander verbindet. Projekte, die lokale Wertschöpfung schaffen und die betroffenen Gemeinden einbinden, werden dabei besonders positiv bewertet.
Fazit
Die ZALF-Stellungnahme macht deutlich: Wer Agri-PV nur als teurere Variante der Freiflächenanlage betrachtet, greift zu kurz. Angesichts zunehmender Trockenheit, Winderosion und Ertragsrisiken durch den Klimawandel entwickelt sich Agri-PV zunehmend von einer Option zu einer strategischen Antwort auf die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft.
Zum vollständigen Stellungnahme:
https://www.zalf.de/de/aktuelles/DokumenteMeldungen/PB2/2026_03_06_Stellungnahme_Agri-PV.pdf